X

Jetzt zum Newsletter anmelden!

E-Mail-Adresse eingeben und immer auf dem Laufenden bleiben:

Ein Besuch bei den Düsseldorfer Altbierstimmen

Anzeige

„Mit dem Alt in der Hand die Tonleiter erklimmen“

Ein Besuch bei den Düsseldorfer Altbierstimmen

„Wo gesungen wird, da lass‘ dich nieder, böse Menschen kennen keine Lieder.“ Mit dieser alten Redewendung lässt sich das Flair rund um die Kneipe „Cemils Manege“ besonders gut beschreiben, wenn die „Altbierstimmen“ sich hier zur Probe treffen. Wer und was dahintersteckt und warum das Ganze eine Liebesgeschichte ist, hat ein Besuch bei den Gründerinnen gezeigt.

Mehr als ein Chor

Mit den Altbierstimmen hat sich vor einigen Jahren der erste Düsseldorfer Kneipenchor gegründet. Hiermit wäre fast alles gesagt, würde es sich um einen gewöhnlichen Chor handeln. Natürlich steht im Zentrum die Musik, vornehmlich Popsongs, Pub-Klassiker und Mitsinghymnen. Die Altbierstimmen sind jedoch mehr als eine reine Gesangsgruppe. Sie sind eine Bewegung, die nicht nur den ehemaligen Arbeiterstadtteil Oberbilk mit ihrer musikalischen Gemeinschaft belebt, sondern im Begriff ist, die ganze Landeshauptstadt in Euphorie zu versetzen. Denn es geht um Musik, um Toleranz, um Gemeinschaft, um Komfortzone, um Begeisterung, um Kneipenkultur und um Liebe. Die Liebe zur Stadt, zum Altbier, zum Gesang und sogar zum Partner fürs Leben. Mittlerweile sind die Altbierstimmen auf zahlreichen Veranstaltungen, wie dem Düsseldorf Marathon, dem DJ-Picknick und dem Büdchentag präsent und begeistern mit Musik, herzlicher Atmosphäre und ihrem Beitrag für einen Neuanstrich des städtischen Heimatgefühls. Um das nachzuempfinden, lohnt sich ein Blick auf die Anfänge.

Vom Insta-Post zur Kultbewegung

Gründerin Julia hatte 2023 das Aufkommen und die Entwicklung von Kneipenchören wie den Hamburger Goldkehlchen oder den Kölner Grüngürtelrosen mit Interesse und Freude sowohl privat als auch beruflich verfolgt. Wehmütig musste sie feststellen, dass es in Düsseldorf bis dato nichts Vergleichbares gab. Also setzte sie einen kurzen Instagram-Post ab und fragte nach, ob jemand vom Bestehen eines Kneipenchores wisse oder aber Lust hätte, einen solchen mit ihr zu gründen. Sekunden später meldete sich ihre ehemalige Arbeitskollegin Wibke. Minuten später stand die Idee, denn Wibke hatte durch ihre veritable Gesangsvita den entsprechenden musikalischen Hintergrund und Julia wiederum durch ihre kulinarisch-nachbarschaftlichen Interessen die notwendigen Kontakte zu einer geeigneten Location. Wenige Tage später folgte der erste Aufruf zur initialen Probe in „Cemils Manege“, einer altehrwürdigen Kneipe auf der Höhenstraße, und die beiden haben es einfach auf sich zukommen lassen. „Ich dachte‚ entweder wir stehen hier am Ende zu dritt oder zu viert und blamieren uns gewaltig, oder es wird ne gute Sache daraus. Am Ende ist ne Riesensache daraus geworden.“, erinnert sich Julia.

Lust zu singen

Von diesem Tag an hat der Kneipenchor eine unglaubliche Entwicklung genommen: Zum aktiven Chor zählen nunmehr über 50 Mitglieder und ähnlich hoch ist die Zahl der Interessierten auf der Warteliste. Eine Band gehört mittlerweile auch dazu und intern wurden klare Rollen, wie beispielweise das Amt der Chorleitung, der Social Media-Beauftragten, der Fotografin und der Schatzmeisterin verteilt. Zudem wird über eine regelmäßige kleine Umlage unter den Singenden das gemeinsame Merchandise finanziert, um einen Wiedererkennungswert zu schaffen und das Kollektivgefühl zu stärken. 

„Ich hab‘ Lust zu singen, bin aber nicht gut genug – genau hier setzen die Altbierstimmen an.“

Grundsätzlich ist jeder Mensch willkommen, der Spaß am Singen und Musizieren hat. Das Aufnahmekriterium lautet also „first come, first serve“, allerdings sei bis dato noch niemand abgesprungen, was für die Gruppe spricht. Aktuell soll aufgrund der räumlichen Kapazitäten sowie aus gruppendynamischen Gründen, die Größe des Kollektivs beibehalten werden. Denn eines der übergeordneten Ziele der Altbierstimmen ist es, einen Safe Space zu schaffen, in dem eine sichere, angenehme, familiäre Atmosphäre herrscht, die sich im besten Fall auch auf die Zuhörer übertragen kann. Gründerin Wibke betont, dass es darum gehe, einen Ort zu schaffen, an dem sich jeder entfalten kann: „Wenn also jemand denkt ich hab‘ Lust zu singen, bin aber nicht gut genug – genau hier setzen die Altbierstimmen an.“

Keine Manege ohne Dompteurin

Dass das Projekt überhaupt ins Leben gerufen und fortbestehen konnte, ist unweigerlich mit dem Namen Agata verknüpft. Agata ist die Besitzerin und gute Seele von „Cemils Manege“, der Stammkneipe und Probelocation der Düsseldorfer Altbierstimmen. Sie versorgt die Musizierenden nicht nur mit ihrem kühlen Fassbier, sondern auch mit ihrem guten Geist. „Der Pitch bei Agata sah so aus, dass ich davon ausging, dass mindestens einmal im Monat sehr viele junge Leute kommen, die sehr gerne Bier trinken. Als Unternehmerin hat sie natürlich sofort verstanden, was das bedeutet, und war einverstanden.“, erzählt Julia. Agatas Rückendeckung für die Altbierstimmen geht aber weit über den Getränkeausschank hinaus. Wie Wibke berichtet, war es Agata, die gerade in der Anfangszeit für die jungen Leute gebürgt hat: „Einige Gäste kommen an Probetagen nur wegen uns, andere Stammgäste aber genau deshalb nicht, hier hat Agata sich immer für uns eingesetzt.“ Darüber hinaus ist durch Agata der Kontakt zu Bandleader Kevin entstanden, durch den die Altbierstimmen jetzt von Livemusik statt Playbackversionen begleitet werden.

Vom Büdchentag zu den Toten Hosen

Nach den zarten Anfängen des Chortreibens, haben sich die Altbierstimmen sehr organisch, aber stetig weiterentwickelt und jeden Grund, um sich mit Stolz zu präsentieren. Gründerin Wibke gibt zu, dass es anfangs lediglich darum ging, Spaß an der Freude zu haben: „Wir hatten zunächst eigentlich keine Lust auf Auftritte, weil wir dachten, das sei mit zu viel Arbeit verbunden. Als wir aber den ersten Auftritt hatten, haben wir direkt gemerkt, wie schön es ist, auf der Bühne zu stehen und dass es echt Bock macht. Dann ist es professioneller geworden und es kamen total coole Anfragen.“ 

Neben dem persönlichen Kontakt und gut funktionierender Mundpropaganda, ist ein gut frequentierter und liebevoll gepflegter Instagram-Kanal der Grund dafür, dass so viele Menschen das Geschehen der Altbierstimmen verfolgen und somit auch in immer höherer Zahl den Auftritten beiwohnen. Gründerin Julia formuliert, wenngleich augenzwinkernd, selbstbewusste Ziele: „Ich würde sagen alles kann, nichts muss, denn wir forcieren nicht zwingend Netzwerkerweiterung, sind aber immer offen, wenn es passt. Es muss für uns praktikabel bleiben, aber mit den dreißig bis vierzig Leuten, die wir bei den Auftritten immer haben, sehe ich uns eines Tages als Vorband für die Toten Hosen. Benefizkonzerte spielen sie ja noch, hieß es im Radio.“ Dennoch sollen die Auftritte für alle Highlights bleiben. „Aktuell haben alle Lust, zu jeder Probe zu kommen und bringen Ernsthaftigkeit mit, auch ohne aktiven Auftrittskalender. Es soll auch noch genug zum Spaß gesungen werden und eine gute Zeit mit netten Leuten entstehen.“ Trotzdem sei man bei den Proben nicht ohne jeglichen Anspruch, denn auch wenn man aus einem Esel kein Rennpferd mache, versuche man das Beste rauszuholen.

Ein Ensemble mit Haltung

Auch wenn die Altbierstimmen sich selbst nicht als politische Bewegung bezeichnen, bilden sie einen klassischen vorpolitischen Raum und nehmen, wenngleich frei von jeglicher Parteicouleur, durch einen klaren Wertekanon Haltung an, wo immer sie auftauchen. Passend zu ihrem Hauptsitz im progressiven Oberbilk, vertreten sie insbesondere die Prinzipien Toleranz, Offenheit und Vielfalt. In dieser Hinsicht sind sie ihren „großen Brüdern“ von den Kölner Grüngürtelrosen, die reine Männerchöre sind, schon einen Schritt voraus. Gründerin Wibke spricht ihren offenkundigen Vorbildern aber keinerlei Werteverfall ab und erklärt süffisant: „Der Charme von Männerchören liegt ja auch ein Stück weit darin, dass ihnen mehr verziehen wird, wenn sie mal schief singen. Aber die haben Bock, hatten ne Idee, entfachen Stimmung und das ist toll.“ 

Die Werteorientierung der Altbierstimmen schlägt sich nicht nur bei der Teilnahme an gesellschaftspolitischen Großereignissen wie dem CSD nieder, sondern durchaus auch in der Songauswahl. Man sei eben ein Kneipen- und kein Kirchen- oder Schulchor, sodass die Lieder gerne auch mal kerniger ausgewählt und vorgetragen werden. Für Chormitglied Marcel ein Segen, da er „vor allem für den lauten und schamlosen Gesang zuständig“ ist. Dennoch boykottieren die Altbierstimmen all die Songs, die nicht mit ihren eigenen Werten übereinstimmen. Das gilt beispielsweise für diskriminierende, klassistische, rassistische, oder gewaltverherrlichende Lieder. Das letzte Wort hat hierbei die Chorleiterin Wibke. Dennoch haben die Altbierstimmen mit ihrer „Banger Box“, einer kleinen Kiste für Liedwünsche, ein demokratisches Element zur Musikauswahl installiert.

Die Altbierstimen verbinden

An den funkelnden Augen der Mitglieder sieht man: Die Altbierstimmen haben das Leben aller Beteiligten auf wundersame und positive Weise verändert. Ein ganz besonderes Beispiel hierfür ist die Geschichte von Marcel und Wibke. In einem Nebensatz benennt Marcel schmunzelnd seine Rolle als „First Lady“, denn er und Chorleiterin Wibke sind das erste Paar, das durch den Chor entstanden ist. „Wir haben uns über Altbier kennengelernt, vorm ‚Kürzer‘ in der Altstadt.“, erzählt Marcel schwärmend mit schelmischem Blick. Er sei mit Kollegen, sie mit einer Freundin da gewesen. Zu später Stunde sei man beim Verzehr einiger Obergäriger zu der Erkenntnis gekommen, dass beide gerne singen. Dabei habe sie erwähnt, dass sie mit einer Kollegin einen Kneipenchor gegründet hat und gefragt, ob ich nicht einmal vorbeikommen wollte. „Wir sind jetzt seit zweieinhalb Jahren ein Paar“, schwärmt Marcel. Die Altbierstimmen verbinden.

Altbier als gesellschaftliches Schmiermittel

Bei aller Altbierliebhaberei ist es Gründerin Julia jedoch wichtig zu betonen, dass der Bierverzehr bei den Altbierstimmen in keiner Weise Pflicht ist. „Wir wollen Alkoholkonsum nicht verherrlichen, aber das eine oder andere genossene Gläschen kann beim Singen durchaus hilfreich sein. Frei nach unserem Motto: Mit dem Alt in der Hand die Tonleiter erklimmen.“ Aber auch ohne Alkohol habe die Angelegenheit, dass man in einer Kneipe zusammen singt, einfach einen besonderen Charme. Nichtsdestotrotz stehen bei den Altbierstimmen die Türen für interessierte Altbiersponsoren immer offen. 

Wer das Geschehen der Gemeinschaft verfolgen, sich Auftritte ansehen, oder einer Probe beiwohnen möchte, wird auf dem Instagram- und Facebook-Kanal der Altbierstimmen regelmäßig über Neuigkeiten und Wissenswertes informiert. Noch sind die Auftritte der Altbierstimmen gratis, jedoch niemals umsonst. Egal in welcher Form man mit den Altbierstimmen zu tun hat: Gute Laune und eine schöne Zeit sind garantiert.

Text/Fotos: Dennis Schiffer

Anzeige

Duesseldorf-Magazin.de

Das Online-Magazin für Düsseldorfer und Besucher der Landeshauptstadt.

Terminkalender

Was ist los in Düsseldorf?

Newsletter abonnieren

  • Regelmäßige Infos
  • Spannendes, Wissenswertes & Nützliches
  • Jederzeit abbestellbar

E-Mail-Adresse eingeben und immer auf dem Laufenden bleiben:

Hier könnte Ihre Anzeige stehen

Informieren Sie sich hier über die vielfältigen Werbe-Möglichkeiten auf Duesseldorf-Magazin.de.

City Guide

Virtueller Bummel durch die Düsseldorfer Museen, Informationen über Sehenswürdigkeiten und Stadtteil-Portraits.

Kultur

Kompakte Informationen und hintergründige Reportagen über
die verschiedensten Kultureinrichtungen der Stadt gibt es hier.

Kind in Düsseldorf

Abenteuerspielplätze, städtische Freizeitparks, junges Theater und Spielen unter dem Hallendach - all das gibt es in Düsseldorf. Weitere Informationen

Und außerdem:

  • Freizeittipps
    (Schwimmbäder, Kinos, Minigolf, Fitness, Klettern, ...)
     
  • Sport (Infos über Vereine und Veranstaltungen: DEG, Fortuna,
    HSG, Galopprennen, ...)
     
  • Shopping (Königsallee, Passagen, besondere Geschäfte)
Anzeige